In meinem letzten Beitrag habe ich beschrieben, was die Scham, ein Opfer zu sein, aus mir machte. Mit genau diesem Gefühl wurde ich indirekt zur Komplizin meines Peinigers. Ich schwieg – viele Jahre – aus Scham und aus dem tiefen Glauben heraus, die Kraft für einen Ausbruch nicht in mir zu haben. Damit nährte ich die narzisstischen Gelüste meines Partners. Im Grunde stellte ich mich ihm zur Verfügung, ohne es zu merken.
Ich wusste es damals nicht besser. Und ich hatte niemanden, der mir sagte:
DU MUSST NICHT ERST STARK WERDEN – DU KANNST GEHEN, AUCH WENN DU ZITTERST.
Ich lebte 15 Jahre in einer Beziehung, geprägt von Machtmissbrauch und Gewalt. Ich setzte mir den „richtigen Zeitpunkt“ für den Schritt in die Freiheit erst dann, wenn die Kinder erwachsen sind. Heute weiß ich: Dieser Gedanke war falsch. Ein schwerwiegender Fehler.
Niemand hat es verdient, auch nur einen einzigen Tag psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt zu sein.
Mit jedem Tag, den du bleibst, mit jedem Tag, an dem du ihm erlaubst, Macht über dich auszuüben, stärkst du in ihm das Gefühl, dass er dazu berechtigt ist.
Ja, ich hatte Angst. Eine riesige Angst. Als ich an diesem Tag vor ihm stand und sagte, dass der Moment gekommen ist, in dem ich gehe, zitterte ich. Ich hatte bewusst einen Zeitpunkt gewählt, an dem wir nicht allein im Haus waren. Trotzdem war es einer der furchterregendsten Momente meines Lebens.
Der Mythos der „starken Frau“
Viele Frauen in toxischen oder gewalttätigen Beziehungen glauben, sie müssten erst zu einer unerschütterlichen Version ihrer selbst werden, bevor sie sich befreien dürfen. Sie denken:
- „Ich bin zu schwach.“
- „Ich halte das nicht durch.“
- „Ich schaffe das nicht allein.“
- „Ich muss erst stärker werden.“
Doch Stärke ist kein Startpunkt. Stärke ist eine Folge. Sie entsteht nach dem Ausbruch – nicht davor.
Stärke kommt später
Stärke kommt:
- wenn du zum ersten Mal wieder durchschläfst
- wenn du merkst, dass niemand dich anschreit
- wenn du spürst, dass du wieder Entscheidungen treffen darfst
- wenn du erkennst, dass du nicht schuld bist
- wenn du beginnst, dich selbst wieder zu sehen
Du musst nicht stark sein, um auszubrechen. Aber du wirst stärker, sobald du es tust. Nicht vorher. Danach.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann weißt du: Du bist nicht schwach. Du bist verletzt. Und Verletzte dürfen gehen.
Hol dir Unterstützung. Rede mit jemandem. Such dir Hilfe. Du musst das nicht allein schaffen.
Du bist nicht allein
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