Die Fassade der Perfektion: Warum Scham zur Fessel der Gewalt wird

Veröffentlicht am 21. März 2026 um 12:12

Es passiert meist in den eigenen vier Wänden. In ihrem Umfeld wirken diese Paare größtenteils gefestigt und harmonisch. Manche blicken sogar neidvoll auf sie, weil sie glauben, wir hätten das erreicht, wovon viele träumen: Die perfekte Beziehung.

Doch der Schein trügt. Das Erreichen dieser angeblich „perfekten Beziehung“ erforderte – zumindest in meinem Fall – drei gezielte Schritte meines Peinigers:

Manipulation – Isolation – Resignation

Den Stempel der Scham bekam ich in der Phase der Isolation aufgedrückt. Immer und immer wieder bekam ich zu hören, dass allein mein Fehlverhalten der Auslöser für seine Aggressionen sei. Er suggerierte mir mit einer Hingabe, dass ich nicht fähig sei, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Er redete mir ein, dass ich es selbst einfordere, von ihm „geführt“ zu werden. Durch meine angebliche Unfähigkeit, angemessen auf angespannte Situationen zu reagieren, löse ich seine Wutausbrüche und die damit verbundenen Gewalttaten aus.

„Er wäre ja gar nicht so – allein meine Unfähigkeit sei der Auslöser – ich reize ihn dazu.“

Die Falle der Schuldzuweisung

Mit diesen ständigen Schuldzuweisungen und der erzwungenen Isolation hatte ich keine Möglichkeit zum Austausch mit anderen Frauen. Somit hielt ich seine Vorwürfe lange Zeit für wahr und schämte mich zutiefst, so „unfähig“ zu sein. In meinem Fall verstärkte meine eigene Vorgeschichte diese Annahme zusätzlich.

Niemals wäre mir der Satz über die Lippen gekommen: „Hilfe, mein Mann schlägt mich!“ In meiner damaligen, manipulierten Gedankenwelt wäre der nächste logische Schritt gewesen, jedem offenlegen zu müssen, wie unfähig ich bin – und dass ich die Gewalt damit selbst verschulde. Also lernte ich stattdessen, die Spuren seiner Taten geschickt zu kaschieren.

Das Schweigen aus Angst

Ich entschied mich, die Inszenierung der harmonischen Beziehung aufrechtzuerhalten. Zudem zweifelte ich, ob mir jemand aus unserem Bekanntenkreis überhaupt glauben würde. Es waren alles seine Freunde, bei denen er mich stolz als sein „Aushängeschild“ präsentierte. Sich einer dieser Personen anzuvertrauen, hätte geheißen, beschämt von den Übergriffen zu erzählen – immer mit der Angst im Nacken, dass man mir nicht glaubt oder es meinem Mann hinterbringt.

So blieb ich stumm – aus Scham und aus Angst. Meinem Gewalttäter gelang es, die Opfer-Schuld-Umkehr perfekt zu vollziehen: Statt sich für seine Taten zu schämen, behaftete er mich mit diesem zerstörerischen Gefühl.

Ein Appell an alle Betroffenen

Obwohl es heute wesentlich mehr Hilfsorganisationen wie Frauenhäuser, Hilfetelefone und öffentlich sichtbare Aufklärung gibt, schweigen immer noch zu viele Frauen. Sie bleiben in der Spirale aus „Scham und Eigenschuld“ hängen.

Ihr seid nicht schuld – ihr seid die Opfer.
Schämt euch nicht, ihr habt nichts falsch gemacht.
Sucht euch Unterstützung – bleibt nicht allein mit eurer Angst.

Denn genau diese Angst ist das Futter für euren Peiniger. Eure Angst macht ihn erst stark. Verliert ihr die Angst – verliert er seine Macht. Ich spreche aus Erfahrung, weil ich es genau so erlebt habe.

Du bist nicht allein.

Wenn du dich in einer ähnlichen Situation befindest, hol dir Hilfe. Du bist nicht allein. Hier findest du anonyme Beratung:

  • Deutschland: Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – Tel.: 116 016
  • Österreich: Frauenhelpline gegen Gewalt – Tel.: 0800 222 555
  • Schweiz: Opferhilfe Schweiz (Übersicht der kantonalen Stellen unter opferhilfe-schweiz.ch)

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